Mit Vollbild (F11) noch schöner!

1. Januar





ERICH KÄSTNER

Der Januar

Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege.
Der Weihnachtsmann ging heim in seinen Wald.
Doch riecht es noch nach Krapfen auf der Stiege.
Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege.
Man steht am Fenster und wird langsam alt.

Die Amseln frieren.
Und die Krähen darben.
Und auch der Mensch hat seine liebe Not.
Die leeren Felder sehnen sich nach Garben.
Die Welt ist schwarz und weiß und ohne Farben.
Und wär so gerne gelb und blau und rot.

Umringt von Kindern wie der Rattenfänger,
tanzt auf dem Eise stolz der Januar.
Der Bussard zieht die Kreise eng und enger.
Es heißt, die Tage würden wieder länger.
Man merkt es nicht. Und es ist trotzdem wahr.

Die Wolken bringen Schnee aus fremden Ländern.
Und niemand hält sie auf und fordert Zoll.
Silvester hörte man’s auf allen Sendern,
dass sich auch unterm Himmel manches ändern
und, außer uns, viel besser werden soll.

Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege.
Und ist doch hunderttausend Jahre alt.
Es träumt von Frieden. Oder träumt’s vom Kriege?
Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege.
Und stirbt in einem Jahr. Und das ist bald.




2. Januar

FRIEDRICH SCHILLER

Die Teilung der Erde

»Nehmt hin die Welt!« rief Zeus von seinen Höhen
Den Menschen zu. »Nehmt, sie soll euer sein!
Euch schenk ich sie zum Erb und ewgen Lehen,
Doch teilt euch brüderlich darein.«

Da eilt, was Hände hat, sich einzurichten,
Es regte sich geschäftig jung und alt.
Der Ackermann griff nach des Feldes Früchten,
Der Junker birschte durch den Wald.

Der Kaufmann nimmt, was seine Speicher fassen,
Der Abt wählt sich den edeln Firnewein,
Der König sperrt die Brücken und die Straßen
Und sprach: »Der Zehente ist mein.«

Ganz spät, nachdem die Teilung längst geschehen,
Naht der Poet, er kam aus weiter Fern;
Ach! da war überall nichts mehr zu sehen,
Und alles hatte seinen Herrn!

»Weh mir! so soll ich denn allein von allen
Vergessen sein, ich, dein getreuster Sohn?«
So ließ er laut der Klage Ruf erschallen
Und warf sich hin vor Jovis Thron.

»Wenn du im Land der Träume dich verweilet«,
Versetzt der Gott, »so hadre nicht mit mir.
Wo warst du denn, als man die Welt geteilet?«-
»Ich war«, sprach der Poet, »bei dir.

Mein Auge hing an deinem Angesichte,
An deines Himmels Harmonie mein Ohr-
Verzeih dem Geiste, der, von deinem Lichte
Berauscht, das Irdische verlor!«

»Was tun?« spricht Zeus. »Die Welt ist weggegeben,
Der Herbst, die Jagd, der Markt ist nicht mehr mein.
Willst du in meinem Himmel mit mir leben:
So oft du kommst, er soll dir offen sein.«





3. Januar





NOVALIS

Der ist der Herr der Erde

Der ist der Herr der Erde,
Wer ihre Tiefen misst,
Und jeglicher Beschwerde
In ihrem Schoß vergisst.

Wer ihrer Felsenglieder
Geheimen Bau versteht,
Und unverdrossen nieder
Zu ihrer Werkstatt geht.

Er ist mit ihr verbündet,
Und inniglich vertraut,
Und wird von ihr entzündet,
Als wär sie seine Braut.

Er sieht ihr alle Tage
Mit neuer Liebe zu
Und scheut nicht Fleiß und Plage,
Sie lässt ihm keine Ruh.

Die mächtigen Geschichten
Der längst verflossnen Zeit,
Ist sie ihm zu berichten
Mit Freundlichkeit bereit.

Der Vorwelt heilge Lüfte
Umwehn sein Angesicht,
Und in die Nacht der Klüfte
Strahlt ihm ein ewges Licht.

Er trifft auf allen Wegen
Ein wohlbekanntes Land,
Und gern kommt sie entgegen
Den Werken seiner Hand.

Ihm folgen die Gewässer
Hülfreich den Berg hinauf;
Und alle Felsenschlösser,
Tun ihre Schätz ihm auf.

Er fährt des Goldes Ströme
In seines Königs Haus,
Und schmückt die Diademe
Mit edlen Steinen aus.

Zwar reicht er treu dem König
Den glückbegabten Arm,
Doch frägt er nach ihm wenig
Und bleibt mit Freuden arm.

Sie mögen sich erwürgen
Am Fuß um Gut und Geld;
Er bleibt auf den Gebirgen
Der frohe Herr der Welt.



4. Januar

KURT TUCHOLSKY

Wer schmeißt denn da mit Lehm

Die Menschen heutzutage sind alle so nervös.
Über jede kleine Kleinigkeit da werden sie giftig bös.
Schimpft einer auf den andern,
Dann sing ich voll Humor,
Damit er nicht mehr schimpfen soll,
Mein kleines Liedchen vor:
Wer schmeißt denn da mit Lehm,
Der sollte sich was schäm‘!
Der sollte auch was ander’s nehm‘
Als ausgerechnet Lehm.

‚Ne junge Frau die stößt sich an einem spitzen Stein.
Der Bräutigam sagt liebevoll: „Mein armes Engelein!“
Sind die zehn Jahr verheiratet,
Dann sagt er prompt zu ihr:
„Na heb doch dein Beene uff,
Du olles Trampeltier.“
Wer schmeißt denn da mit Lehm,
Der sollte sich was schäm‘!
Der sollte auch was ander’s nehm‘
Als ausgerechnet Lehm.

Bei unser’m Nachbarn Meyer ist immer etwas los.
Die sind sehr sportbegeistert, auch die Frau boxt tadellos.
Kriegt sie ihn mal beim Wickel,
Dann zähl’n sie ihn aus komplett.
Dann setzt sie ihn auf’s Töppken drupp
Und schiebt ihn unters Bett.
Wer schmeißt denn da mit Lehm,
Der sollte sich was schäm‘!
Der sollte auch was ander’s nehm‘
Als ausgerechnet Lehm.

Jüngst traf ich auf der Straße den alten Maler Kraus,
Dem guckte aus dem Hosenbein der Sockenhalter raus.
Da schreit so’n kleiner Bengel
Zu dem alten Herrn sehr klug:
„Sie, passen Sie auf Ihr’n Bandwurm auf,
Der macht ’nen Fluchtversuch!“
Wer schmeißt denn da mit Lehm,
Der sollte sich was schäm‘!
Der sollte auch was ander’s nehm‘
Als ausgerechnet Lehm.

Die Berliner sind sehr höflich. Ein Herr trat neulich mal
Einer Dame auf die Schleppe. Im Foyer war’n Mordsskandal.
„Können Sie nicht sehn, Sie Ochse!“
„Ja“, sagt der Herr, „ich kann’s,
Aber warum haben Sie olle Kuh
So einen langen Schwanz?“
Wer schmeißt denn da mit Lehm,
Der sollte sich was schäm‘!
Der sollte auch was ander’s nehm‘
Als ausgerechnet Lehm.









5. Januar







FRIEDRICH HÖLDERLIN

Hälfte des Lebens

Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See,
Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.
Weh mir, wo nehm ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein,
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.




6. Januar

CHRISTIAN MORGENSTERN

Der fremde Bauer

Ein Mann mit einer Sense tritt
zur Dämmerzeit beim Dorfschmied ein.
Der schlägt sie fester an den Stiel
und dengelt sie und schleift sie scharf
und gibt sie frohen Spruchs zurück
und frägt sein wer? woher? wohin?
und lauscht dem Fremden offnen Munds,
als der ihm dies und das erzählt.
Und wie die Rede irrt und kreist,
berührt sie auch das letzte Los,
das jedem fällt, und - "Unverhofft!
so möcht' ich hingehn!" ruft der Schmied -
und stürzt zusammen wie vom Blitz...
Die Sense auf der Schulter geht
der fremde Mann das Dorf hinab.




7. Januar



PAUL FLEMING

An sich

Sei dennoch unverzagt! Gib dennoch unverloren!
Weich keinem Glücke nicht, steh höher als der Neid,
vergnüge dich an dir und acht es für kein Leid,
hat sich gleich wider dich Glück, Ort und Zeit verschworen.

Was dich betrübt und labt, halt alles für erkoren;
nimm dein Verhängnis an. Laß alles unbereut.
Tu, was getan muß sein, und eh man dir's gebeut.
Was du noch hoffen kannst, das wird noch stets geboren.

Was klagt, was lobt man doch? Sein Unglück und sein Glücke
ist ihm ein jeder selbst. Schau alle Sachen an:
dies alles ist in dir. Laß deinen eitlen Wahn,

und eh du fürder gehst, so geh in dich zurücke.
Wer sein selbst Meister ist und sich beherrschen kann,
dem ist die weite Welt und alles untertan.




8. Januar

HILDE DOMIN

Alle meine Schiffe

Alle meine Schiffe
haben die Häfen vergessen
und meine Füße den Weg.
Es wird nicht gesät und nicht geerntet
denn es ist keine Vergangenheit
und keine Zukunft,
kaum eine Bühne im Tag.
Nur der kleine
zärtliche Abstand
zwischen dir und mir,
den du nicht verminderst.




9. Januar




THEODOR FONTANE

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,
Ein Birnbaum in seinem Garten stand,
Und kam die goldene Herbsteszeit
Und die Birnen leuchteten weit und breit,
Da stopfte, wenn's Mittag vom Turme scholl,
Der von Ribbeck sich beide Taschen voll,
Und kam in Pantinen ein Junge daher,
So rief er: »Junge, wiste 'ne Beer?«
Und kam ein Mädel, so rief er: »Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick hebb 'ne Birn.«

So ging es viel Jahre, bis lobesam
Der von Ribbeck auf Ribbeck zu sterben kam.
Er fühlte sein Ende. 's war Herbsteszeit,
Wieder lachten die Birnen weit und breit;
Da sagte von Ribbeck: »Ich scheide nun ab.
Legt mir eine Birne mit ins Grab.«
Und drei Tage drauf, aus dem Doppeldachhaus,
Trugen von Ribbeck sie hinaus,
Alle Bauern und Büdner mit Feiergesicht
Sangen »Jesus meine Zuversicht«,
Und die Kinder klagten, das Herze schwer:
»He is dod nu. Wer giwt uns nu 'ne Beer?«

So klagten die Kinder. Das war nicht recht -
Ach, sie kannten den alten Ribbeck schlecht;
Der neue freilich, der knausert und spart,
Hält Park und Birnbaum strenge verwahrt.
Aber der alte, vorahnend schon
Und voll Mißtraun gegen den eigenen Sohn,
Der wußte genau, was damals er tat,
Als um eine Birn' ins Grab er bat,
Und im dritten Jahr aus dem stillen Haus
Ein Birnbaumsprößling sproßt heraus.

Und die Jahre gingen wohl auf und ab,
Längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab,
Und in der goldenen Herbsteszeit
Leuchtet's wieder weit und breit.
Und kommt ein Jung' übern Kirchhof her,
So flüstert's im Baume: »Wiste 'ne Beer?«
Und kommt ein Mädel, so flüstert's: »Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick gew' di 'ne Birn.«

So spendet Segen noch immer die Hand
Des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland



10. Januar

HEINRICH HEINE

Anfangs wollt ich fast verzagen,
und ich glaubt' ich trüg es nie
und ich hab es doch getragen,
aber fragt mich nur nicht, wie


Ich weinte so heftig, dass sich dessen ein Stein erbarmen musste. Die Göttin schaute mitleidig auf mich herab, doch zugleich so trostlos, als wollte sie sagen: siehst du denn nicht, dass ich keine Arme habe und also nicht helfen kann?





11. Januar

JOHANN WOLFGANG VON GOETHE

Der Zauberlehrling

Hat der alte Hexenmeister
Sich doch einmal wegbegeben!
Und nun sollen seine Geister
Auch nach meinem Willen leben.
Seine Wort’ und Werke
Merkt’ ich und den Brauch,
Und mit Geistesstärke
Tu’ ich Wunder auch.
Walle! walle

Manche Strecke,
Dass zum Zwecke,
Wasser fließe
Und mit reichem, vollem Schwalle
Zu dem Bade sich ergieße.
Und nun komm, du alter Besen!
Nimm die schlechten Lumpenhüllen!
Bist schon lange Knecht gewesen;
Nun erfülle meinen Willen!
Auf zwei Beinen stehe,
Oben sei ein Kopf,
Eile nun und gehe
Mit dem Wassertopf!
Walle! walle

Manche Strecke,
Dass zum Zwecke,
Wasser fließe
Und mit reichem, vollem Schwalle
Zu dem Bade sich ergieße.
Seht, er läuft zum Ufer nieder;
Wahrlich! Ist schon an dem Flusse,
Und mit Blitzesschnelle wieder
Ist er hier mit raschem Gusse.
Schon zum zweiten Male!
Wie das Becken schwillt!
Wie sich jede Schale
Voll mit Wasser füllt!
Stehe! stehe!

Denn wir haben
Deiner Gaben
Vollgemessen! –
Ach, ich merk’ es! Wehe! wehe!

Hab’ ich doch das Wort vergessen!
Ach, das Wort, worauf am Ende
Er das wird, was er gewesen.
Ach, er läuft und bringt behände!
Wärst du doch der alte Besen!
Immer neue Güsse
Bringt er schnell herein,
Ach! und hundert Flüsse
Stürzen auf mich ein.
Nein, nicht länger
Kann ich’s lassen;
Will ihn fassen.
Das ist Tücke!

Ach! nun wird mir immer bänger!
Welche Miene! welche Blicke!
O, du Ausgeburt der Hölle!
Soll das ganze Haus ersaufen?
Seh’ ich über jede Schwelle
Doch schon Wasserströme laufen.

Ein verruchter Besen,
Der nicht hören will!
Stock, der du gewesen,
Steh doch wieder still! Willst’s am Ende
Gar nicht lassen?
Will dich fassen,
Will dich halten

Und das alte Holz behände
Mit dem scharfen Beile spalten.
Seht, da kommt er schleppend wieder!
Wie ich mich nun auf dich werfe,
Gleich, o Kobold, liegst du nieder;
Krachend trifft die glatte Schärfe!
Wahrlich, brav getroffen!
Seht, er ist entzwei!
Und nun kann ich hoffen,
Und ich atme frei!
Wehe! wehe!

Beide Teile
Steh’n in Eile
Schon als Knechte
Völlig fertig in die Höhe!
Helft mir, ach! ihr hohen Mächte!
Und sie laufen! Nass und nässer
Wird’s im Saal und auf den Stufen.
Welch entsetzliches Gewässer!
Herr und Meister! hör’ mich rufen! –

Ach, da kommt der Meister!
Herr, die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister
Werd’ ich nun nicht los.

»In die Ecke,
Besen! Besen!
Seid’s gewesen.
Denn als Geister
Ruft euch nur zu seinem Zwecke,
Erst hervor der alte Meister.«












12. Januar





CHARLES BUKOWSKI

Genie

Er trug gewöhnlich Weste und Jacket
egal wie heiß es war
und seine Kleider waren immer dreckig
bis auf einen bunten sauberen Schal
ganz gleich wie oft ich umzog
er schafft es immer
mich zu finden auf meiner Couch zu schlafen
und mir den Sprit wegzusaufen
er trank und erzählte
mir von seinem Genie
rezitierte auswendig
ein paar neue Gedichte
und sackte weg
nachts kotzte er
mir den Teppich voll
und dann schnarchte er so laut
dass ich den Rest der Nacht
kaum zum Schlafen kam
um 6 Uhr morgens sprang er hoch
und unternahm Spaziergänge
rings um den Block
von denen er jedes Mal zurückkam
mit wilden Geschichten
von Nutten oder Leichen
in der Gosse
mit dröhnender Stimme
eine qualmende Zigarette
im Mundwinkel fing er
wieder an von seinem Genie
Wenn ich schwul oder schwarz wäre
würde ichs schaffen
Er marschierte auf und ab
wenn ich ein
schwarzer schwuler Jude wäre,
könnte ich
ganz groß rauskommen
Nun er war Jude also
würde er es wenigstens
zu einem Drittel schaffen
bei Lesungen
von andern spang er regelmäßig
auf die Bühne
und las seine eigenen Sachen
Hey Buddy
dieses Vordrängeln
diese Schleimerei muss
doch auf die Dauer ermüdend
sein sagte ich zu ihm
warum besorgst
du dir nicht
einen Job
und schreibst nebenher
Nein schrie er
Ich verlange
dass man mich anerkennt
Er war gut
er war
ein sehr guter Dichter
doch wie wir alle
war auch er
nicht so gut wie er dachte
ich sage es nicht gern
aber ich war immer froh
wenn er wieder ging



13. Januar

INGEBORG BAHCHMANN

Dem Abend gesagt

Meine Zweifel, bitter und ungestillt,
versickern in den Abendtiefen.
Müdigkeit singt an meinem Ohr.
Ich lausche...
Das war doch gestern schon!
Das kommt und geht doch wieder!

Die Schlafwege kenn ich bis ins süßeste Gefild.
Ich will dort nimmer gehen.
Noch weiß ich nicht, wo mir der dunkle See
die Qual vollendet.
Ein Spiegel soll dort liegen,
klar und dicht,
und will uns,
funkelnd vor Schmerz,
die Gründe zeigen.






14. Januar














BERT BRECHT

An die Nachgeborenen

1
Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!

Das arglose Wort ist töricht. Eine glatte Stirn
Deutet auf Unempfindlichkeit hin. Der Lachende
Hat die furchtbare Nachricht
Nur noch nicht empfangen.

Was sind das für Zeiten, wo
Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist
Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!
Der dort ruhig über die Straße geht
Ist wohl nicht mehr erreichbar für seine Freunde
Die in Not sind?

Es ist wahr: ich verdiene noch meinen Unterhalt
Aber glaubt mir: das ist nur ein Zufall. Nichts
Von dem, was ich tue, berechtigt mich dazu, mich satt zu essen.
Zufällig bin ich verschont. (Wenn mein Glück aussetzt
Bin ich verloren.)

Man sagt mir: iß und trink du! Sei froh, daß du hast!
Aber wie kann ich essen und trinken, wenn
Ich es dem Hungernden entreiße, was ich esse, und
Mein Glas Wasser einem Verdurstenden fehlt?
Und doch esse und trinke ich.

Ich wäre gerne auch weise
In den alten Büchern steht, was weise ist:
Sich aus dem Streit der Welt halten und die kurze Zeit
Ohne Furcht verbringen
Auch ohne Gewalt auskommen
Böses mit Gutem vergelten
Seine Wünsche nicht erfüllen, sondern vergessen
Gilt für weise.
Alles das kann ich nicht:
Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!

2
In die Städte kam ich zu der Zeit der Unordnung
Als da Hunger herrschte.
Unter die Menschen kam ich zu der Zeit des Aufruhrs
Und ich empörte mich mit ihnen.
So verging meine Zeit
Die auf Erden mir gegeben war.

Mein Essen aß ich zwischen den Schlachten
Schlafen legt ich mich unter die Mörder
Der Liebe pflegte ich achtlos
Und die Natur sah ich ohne Geduld.
So verging meine Zeit
Die auf Erden mir gegeben war.

Die Straßen führten in den Sumpf zu meiner Zeit
Die Sprache verriet mich dem Schlächter
Ich vermochte nur wenig. Aber die Herrschenden
Saßen ohne mich sicherer, das hoffte ich.
So verging meine Zeit
Die auf Erden mir gegeben war.

Die Kräfte waren gering. Das Ziel
Lag in großer Ferne
Es war deutlich sichtbar, wenn auch für mich
Kaum zu erreichen.
So verging meine Zeit
Die auf Erden mir gegeben war.

3
Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut
In der wir untergegangen sind
Gedenkt
Wenn ihr von unseren Schwächen sprecht
Auch der finsteren Zeit
Der ihr entronnen seid.

Gingen wir doch, öfter als die Schuhe die Länder wechselnd
Durch die Kriege der Klassen, verzweifelt
Wenn da nur Unrecht war und keine Empörung.

Dabei wissen wir ja:
Auch der Haß gegen die Niedrigkeit
Verzerrt die Züge.
Auch der Zorn über das Unrecht
Macht die Stimme heiser. Ach, wir
Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit
Konnten selber nicht freundlich sein.

Ihr aber, wenn es soweit sein wird
Daß der Mensch dem Menschen ein Helfer ist
Gedenkt unsrer
Mit Nachsicht.



15. Januar

HANS MAGNUS ENZENSBERGER

Lied von denen, auf die alles zutrifft und die alles schon wissen

Dass etwas getan werden muss und zwar sofort
das wissen wir schon
dass es aber noch zu früh ist um etwas zu tun
dass es aber zu spät ist um noch etwas zu tun
das wissen wir schon

und dass es uns gut geht
und dass es so weiter geht
und dass es keinen Zweck hat
das wissen wir schon

und dass wir schuld sind
und dass wir nichts dafür können dass wir schuld sind
und dass wir daran schuld sind dass wir nichts dafür können
und dass es uns reicht
das wissen wir schon

und dass es vielleicht besser wäre die Fresse zu halten
und dass wir die Fresse nicht halten werden
das wissen wir schon
das wissen wir schon

und dass wir niemand helfen können
und dass uns niemand helfen kann
das wissen wir schon

und dass wir begabt sind
und dass wir die Wahl haben zwischen nichts und wieder nichts
und dass wir dieses Problem gründlich analysieren müssen
und dass wir zwei Stück Zucker in den Tee tun
das wissen wir schon

und dass wir gegen die Unterdrückung sind
und dass die Zigaretten teurer werden
das wissen wir schon

und dass wir es jedes Mal kommen sehen
und dass wir jedes Mal recht behalten werden
und dass daraus nichts folgt
das wissen wir schon

und dass das alles wahr ist
das wissen wir schon

und dass das alles gelogen ist
das wissen wir schon

und dass das alles ist
das wissen wir schon

und dass Überstehn nicht alles ist sondern gar nichts
das wissen wir schon

und dass wir es überstehn
das wissen wir schon

und dass das alles nicht neu ist
und dass das Leben schön ist
das wissen wir schon
das wissen wir schon
das wissen wir schon

und dass wir das schon wissen
das wissen wir schon










16. Januar

RAINER MARIA RILKE

Obwohl ein jeder von sich strebt

Und doch, obwohl ein jeder von sich strebt
wie aus dem Kerker, der ihn hasst und hält, -
es ist ein großes Wunder in der Welt:
ich fühle: alles Leben wird gelebt.

Wer lebt es denn? Sind das die Dinge, die
wie eine ungespielte Melodie
im Abend wie in einer Harfe stehn?
Sind das die Winde, die von Wassern wehn,
sind das die Zweige, die sich Zeichen geben,
sind das die Blumen, die die Düfte weben,
sind das die langen alternden Alleen?
Sind das die warmen Tiere, welche gehn,
sind das die Vögel, die sich fremd erheben?

Wer lebt es denn? Lebst du es, Gott, -
das Leben?





17. Januar











¹)
REINHARD MEY

Mein Testament

In Erwartung jener Stunde, die man halt nicht vorher kennt
Nehm' ich mir Papier und Feder und beginn mein Testament
Schreibe meinen letzten Willen, doch ich hoffe sehr dabei
Dass der Wille, den ich schreibe, doch noch nicht mein letzter sei
Aber für den Fall der Fälle halte ich ihn schon bereit
Dabei täte mir der Fall der Fälle ausgesprochen leid

Meinen Nachlass zu verwalten, geb' ich dir allein Vollmacht
So weiß ich, dass mit dem Nachlass keiner keinen Unfug macht
Geh' zunächst zum Biergroßhändler, der schon schluchzt und lamentiert
Weil er mit mir eine Stütze seines Umsatzes verliert
Schenk' ihm all die leeren Flaschen, die bei uns im Keller steh'n
Mit dem schönen Posten Leergut wird es ihm schon besser geh'n

Was danach an guten vollen Flaschen noch im Keller ist
Die vermach' ich Euch, Ihr Freunde, die Ihr sie zu schätzen wisst
Als Dank für die guten Stunden, die Ihr mir gegeben habt
Als Dank dafür, dass Ihr heut' noch hinterm schwarzen Wagen trabt
Ich vermach' Euch Fass und Flaschen, euch zum Wohle, mir zum Trost
Ich hätt' gerne mitgetrunken, leider geht's nicht, na denn Prost

Alles, was ich an irdischen Gütern habe, Hund und Haus
Vermach' ich dir, meine Freundin, mache du das Beste draus
Und erscheinen dir die Räume plötzlich viel zu eng und klein
Öffne den Freunden die Türen, und das Haus wird größer sein
Verschenke, was immer du verschenken willst vom Inventar
Sei mit denen die dich bitten, großzügiger, als ich es war

Meine Träume, meine Ziele, sind bei dir in guter Hand
Die, die ich so gut geliebt hab', wie ich es nun mal verstand
Ich wollte die Welt verbessern, ohne viel Erfolg scheint mir
Mach du, wo ich aufhör', weiter, und vielleicht gelingt es dir
Das wird dich darüber trösten, wenn ich nicht mehr bei dir wohn'
Dann werd' wieder die Glücklichste, die Schönste bist du ja schon

Meine Verse, meine Lieder, gehör'n dir ja ohnehin
Die, die mich so sehr geliebt hat, mehr vielleicht, als ich's verdien'
Denn durch dich hab' ich, wenn heut' schon meine letzte Stunde kommt
Viel mehr als nur jenen Teil vom Glück gehabt, der mir zukommt
So bedaur' ich eine in jener Stunde nur, dass offenbar
Uns das Los von Philemon und Baucis¹ nicht beschieden war

Aber eines freut mich doch, wenn ich heut' sterbe, ungeniert
Hab' ich meine Widersacher doch noch einmal angeschmiert
Denn ich hör' die Lästermäuler Beileid heucheln und sogar
Murmeln, dass ich stets der Beste, Liebste, Allergrößte war
Euch, Ihr Schleimer, hinterlass' ich frohen Herzens den Verdruss
Dass man von dem frisch Gestorb'nen immer Gutes sagen muss

Mein Vermächtnis ist geschrieben, klaren Kopfes bis zuletzt
Ich lass' noch Platz für das Datum, den Rest unterschreib' ich jetzt
Dieses ist mein letzter Wille, doch ich hoffe sehr dabei
Dass der Wille, den ich schreibe, doch noch nicht mein letzter sei
Wär er's doch, schreib' auf den Grabstein, den ich mir noch ausbeding':

„Hier liegt einer, der nicht gerne, aber der zufrieden ging.



18. Januar

MATTHIAS CLAUDIUS

Abendlied

Der Mond ist aufgegangen,
die goldnen Sternlein prangen,
am Himmel hell und klar.
Der Wald steht schwarz und schweiget
und aus den Wiesen steiget,
der weisse Nebel wunderbar.

Wie ist die Welt so stille
und in der Dämm'rung Hülle,
so traulich und so hold,
wie einer stillen Kammer,
wo ihr des Tages Jammer,
verschlafen und vergessen sollt.

Seht ihr den Mond dort stehen? –
Er ist nur halb zu sehen,
Und ist doch rund und schön!
So sind wohl manche Sachen,
Die wir getrost belachen,
Weil unsre Augen sie nicht sehn.

Wir stolze Menschenkinder
Sind doch nur arme Sünder,
Und wissen gar nicht viel.
Wir spinnen Luftgespinnste
Und treiben viele Künste,
Und kommen weiter von dem Ziel.

So legt euch denn, ihr Brüder,
In Gottes Namen nieder;
Kalt ist der Abendhauch.
Verschon’ uns, Gott! mit Strafen,
Und laß uns ruhig schlafen!
Und unsern kranken Nachbar auch!








19. Januar

WALTER VON DER VOGELWEIDE

Palästinalied





Nû alrêrst lebe ich mir werde,
sît mîn sündic ouge sihet
daz hêre lant und ouch die erde,
der man šo vil der êren gihet.
Nû ist geschehen, des ich ie bat:
ich bin komen an die stat,
dâ got mennischlîchen trat.

Schœniu lant rîch unde hêre,
swaz ich der noch hân gesehen,
sô bist dûz ir aller êre.
Waz ist wunders hie geschehen!
Daz ein maget ein kint gebar,
hêre über aller engel schar,
was daz niht ein wunder gar?

Hie liez er sich reine toufen,
daz der mensche reine sî.
Dô liez er sich hie verkoufen,
daz wir eigen wurden frî.
Anders wæren wir verlorn.
Wol dir, sper, kriuze unde dorn!
Wê dir, heiden, daz ist dir zorn!

Dô er sich wolte übr uns erbarmen,
hie leit er den grimmen tôt,
er vil rîche durch uns armen,
daz wir kœmen ûz der nôt.
Daz in dô des niht verdrôz,
dast ein wunder alze grôz,
aller wunder übergenôz.

Hinnen fuor der sun zer helle
von dem grabe, dâ er inne lac.
Des was ie der vater geselle,
und der geist, den nieman mac
sunder scheiden: êst al ein,
sleht und ebener danne ein zein,
als er Abrahâme erschein.

Dô er den tievel dô geschande,
daz nie keiser baz gestreit,
dô fuor er her wider ze lande.
Dô huob sich der juden leit,
daz er herre ir huote brach,
und daz man in sît lebendic sach,
den ir hant sluoc unde stach.

Dar nâch was er in dem lande
vierzic tage: dô fuor er dar,
dannen in sîn vater sande.
Sînen geist, der uns bewar,
den sante er hin wider zehant.
Heilic ist daz selbe lant:
sîn name, der ist vor gote erkant.

In diz lant hât er gesprochen
einen angeslîchen tac,
dâ diu witwe wirt gerochen
und der weise klagen mac
und der arme den gewalt,
der dâ wirt an ime gestalt.
Wol ime dort, der hie vergalt!

Unser lantrehtære tihten
fristet dâ niemannes klage;
wan er wil dâ zestunt rihten,
sô ez ist an dem lesten tage:
swer deheine schulde hie lât
unverebenet, wie der stât
dort, dâ er pfant noch bürgen hât!

Kristen, juden unde heiden
jehent, daz diz ir erbe sî:
got müeze ez ze rehte scheiden
durch die sîne namen drî.
Al diu werlt diu strîtet her.
Wir sîn an der rehten ger:
reht ist, daz er uns gewer.

Nû lât iuch des niht verdriezen,
daz ich noch gesprochen hân.
Ich wil iu die rede entsliezen
kurzlîch und iuch wizzen lân,
swaz got mit dem menschen ie
wunders in der werlt begie,
daz huop sich und endet hie.
Nû alrêrst lebe ich mir werde,
sît mîn sündic ouge sihet
daz hêre lant und ouch die erde,
der man šo vil der êren gihet.
Nû ist geschehen, des ich ie bat:
ich bin komen an die stat,
dâ got mennischlîchen trat.

Schœniu lant rîch unde hêre,
swaz ich der noch hân gesehen,
sô bist dûz ir aller êre.
Waz ist wunders hie geschehen!
Daz ein maget ein kint gebar,
hêre über aller engel schar,
was daz niht ein wunder gar?

Hie liez er sich reine toufen,
daz der mensche reine sî.
Dô liez er sich hie verkoufen,
daz wir eigen wurden frî.
Anders wæren wir verlorn.
Wol dir, sper, kriuze unde dorn!
Wê dir, heiden, daz ist dir zorn!

Dô er sich wolte übr uns erbarmen,
hie leit er den grimmen tôt,
er vil rîche durch uns armen,
daz wir kœmen ûz der nôt.
Daz in dô des niht verdrôz,
dast ein wunder alze grôz,
aller wunder übergenôz.

Hinnen fuor der sun zer helle
von dem grabe, dâ er inne lac.
Des was ie der vater geselle,
und der geist, den nieman mac
sunder scheiden: êst al ein,
sleht und ebener danne ein zein,
als er Abrahâme erschein.

Dô er den tievel dô geschande,
daz nie keiser baz gestreit,
dô fuor er her wider ze lande.
Dô huob sich der juden leit,
daz er herre ir huote brach,
und daz man in sît lebendic sach,
den ir hant sluoc unde stach.

Dar nâch was er in dem lande
vierzic tage: dô fuor er dar,
dannen in sîn vater sande.
Sînen geist, der uns bewar,
den sante er hin wider zehant.
Heilic ist daz selbe lant:
sîn name, der ist vor gote erkant.

In diz lant hât er gesprochen
einen angeslîchen tac,
dâ diu witwe wirt gerochen
und der weise klagen mac
und der arme den gewalt,
der dâ wirt an ime gestalt.
Wol ime dort, der hie vergalt!

Unser lantrehtære tihten
fristet dâ niemannes klage;
wan er wil dâ zestunt rihten,
sô ez ist an dem lesten tage:
swer deheine schulde hie lât
unverebenet, wie der stât
dort, dâ er pfant noch bürgen hât!

Kristen, juden unde heiden
jehent, daz diz ir erbe sî:
got müeze ez ze rehte scheiden
durch die sîne namen drî.
Al diu werlt diu strîtet her.
Wir sîn an der rehten ger:
reht ist, daz er uns gewer.

Nû lât iuch des niht verdriezen,
daz ich noch gesprochen hân.
Ich wil iu die rede entsliezen
kurzlîch und iuch wizzen lân,
swaz got mit dem menschen ie
wunders in der werlt begie,
daz huop sich und endet hie.
Hochdeutsch:



20. Januar

ERICH FRIED

Was es ist

Es ist Unsinn
sagt die Vernunft
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist Unglück
sagt die Berechnung
Es ist nichts als Schmerz
sagt die Angst
Es ist aussichtslos
sagt die Einsicht
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist lächerlich
sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig
sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich
sagt die Erfahrung
Es ist was es ist
sagt die Liebe








21. Januar

KARL VALENTIN

Zwei Knaben stiegen auf einen Baum,
sie wollten Äpfel runterhaun;
am Gipfel drobn wurd's ihnen klar;
dass das a Fahnenstange war.



22. Januar

WOLFGANG BORCHRT

Abschied

Lass mir deinen Rosenmund
noch für einen Kuss.
Draußen weiß ein ferner Hund,
dass ich weiter muss.

Lass mir deinen hellen Schoß
noch für ein Gebet.
Mach mich aller Schmerzen los!
- horch, der Seewind weht.

Lass mir noch dein weiches Haar
schnell für diesen Traum:
Dass dein Lieben Liebe war -
lass mir diesen Traum!





23. Januar

JOSEF WEINHEBER



Judaskuss

Ihr seht nur das verfluchte Geld,
das ich genommen hab.
Und schweigt davon, dass Er mir doch
beim Mahl den Bissen gab.

Damit die Schrift erfüllet sei,
sollt es an mir geschehn.
Er trug mir auf, es bald zu tun.
Und also musst ich gehn

und ging und kam zurück, und nahm
und hatte meinen Lohn.
Doch jener, der am Kedron stand,
Er wusste alles schon,

und sah mich an und redete
und ließ mir keine Frist:
„Mit einem Kuss verrätst du mich?"
So hab ich Ihn geküsst.

Sie griffen Ihn und banden Ihn
und schleppten Ihn davon.
Und ob mir fast das Herz zerriss,
ich hatte meinen Lohn.

Du bittre Reue, Scham und Gram!
Er gab mir mein Geschick.
Er starb für euch den Kreuzestod.
Ich ging und nahm den Strick.




THEODOR KRAMER



Requiem für einen Faschisten

Du warst in allem einer ihrer Besten,
erschrocken fühl ich heut mich dir verwandt,
du schwelgtest gerne bei den gleichen Festen
und zogst wie ich oft wochenlang durchs Land.
Es füllt dich wie mich der gleiche Ekel
Vor dem Geklügel ohne innern Drang,
vor jedem Wortgekletzel und Gehäkel,
nichts galt dir als der schöne Überschwang.

So zog es dich zu ihnen, die marschierten,
wer weiß da, wann du auf dem Marsch ins Nichts
gewahr der Zeichen wurdest, die sie zierten?
Du liegst gefällt am Tage des Gerichts.
Ich hätte dich mit eigner Hand erschlagen;
Doch unser keiner hatte die Geduld,
in deiner Sprache dir den Weg zu sagen:
dein Tod ist unsre, ist auch meine Schuld.

Ich setz für dich zu Abend diese Zeilen,
da schrill die Grille ihre Beine reibt,
wie du es liebtest, und der Seim im geilen
Faulbaum im Kreis die schwarzen Käfer treibt.
Dass wir des Tods und Ursprungs nicht vergessen,
wann jeder Brot hat und zum Brot auch Wein,
vom Überschwang zu singen wie besessen,
soll um dich, Bruder, meine Klage sein.



24. Januar

ANDREAS GRYHIUS

Menschliches Elende.

Was sind wir Menschen doch?
Ein Wohnhaus grimmer Schmerzen.
Ein Ball deß falschen Glücks
Ein Irrlicht dieser Zeit.
Ein Schauplatz herber Angst
Besetzt mit scharfem Leid
Ein bald verschmelzter Schnee
Und abgebrante Kertzen.
Dies Leben fleucht davon
Wie ein Geschwätz und Scherzen.
Die vor uns abgelegt
des schwachen Leibes Kleid
Und in das Totenbuch
Der grossen Sterblichkeit
Längst eingeschrieben sind
Sind uns aus Sinn und Herzen.
Gleich wie ein eitel Traum
Leicht aus der Acht hinfällt
Und wie ein Strom verscheust
Den keine Macht auffhält:
So muss auch unser Nam
Lob Ehr und Ruhm verschwinden
Was jeztund Atem holt
Muss mit der Luft entfliehn
Was nach uns kommen wird
Wird uns ins Grab nachziehn
Was sag ich?
Wir vergehn
Wie Rauch von starken Winden.





25. Januar

JOHANN WILHELM LUDWIG GLEIM

Urteil

A.: Gleim wird von allen bösen Zungen
      So schlimm verlästert und betrübt!
B.: Schon recht, warum hat er von Lieb und Wein gesungen,
      Und nicht getrunken, nicht geliebt!



An die Schwalbe




26. Januar

JOACHIM RINGELNATZ

Als ich noch ein Seepferdchen war,
im vorigen Leben,
wie war das wonnig, wunderbar
unter Wasser zu schweben.
In den träumenden Fluten
wogte, wie Güte, das Haar
der zierlichsten aller Seestuten,
die meine Geliebte war.
Wir senkten uns still oder stiegen,
tanzten harmonisch umeinand,
ohne Arm, ohne Bein, ohne Hand,
wie Wolken sich in Wolken wiegen.
Sie spielte manchmal graziöses Entfliehn,
auf dass ich ihr folge, sie hasche,
und legte mir einmal im Ansichziehn
Eierchen in die Tasche.
Sie blickte traurig und stellte sich froh,
schnappte nach einem Wasserfloh,
und ringelte sich
an einem Stengelchen fest und sprach so:
Ich liebe dich!
Du wieherst nicht, du äpfelst nicht,
du trägst ein farbloses Panzerkleid
und hast ein bekümmertes altes Gesicht,
als wüsstest du um kommendes Leid.
Seestütchen! Schnörkelchen! Ringelnass!
Wann war wohl das?





27. Januar
TIMO BRANDT

Lorca nicht vergessen

Abendland als ein Vogelbecken, in dem Spatzen sich necken.
      Abperlen …; darüber Adler kreisen und Bussarde,
in den Nebel, das Tropf, Tropf von den langen Samen der Linden
      wo die Schneisen leise das Sonnenlicht gondeln, wenn
die Nachtigall auf ihrem weit entfernten Zweig
      zu dir dringt. Weiteratmen. Weitergehen. Kaltschale klingt.
Nieseln, Abflussdichtung, Glatteis, fauliges Laub, Wolkenauftakt.
      Kriege, in notierten Zivilisationen – Rhein-Main-
Wetter schlägt Wind, Gemüt – wackelt, schluckt, auf den Wellen.
      Die Äpfel, Weide, Stachel, Böe und Stiel. Am Hang, wo sie
rollen, ein Herbsthumpeln, abwärts. Die Demokratie der Natur.
Entfernt klapp-flappen die Wildvögel, die notorischen Abseits-
      weißheitswahrer mit ihren Flügeln – Knack(-knick/schabernack)-Piep.
Erdbeeren, zu Brei zertreten, glänzen in den Gullys, tanzen auf
      der Ölhaut deiner Fragen nach der Zukunft. Keine Angst,
wir bauen neue Dämme, neue Häuser, neue Rohre für die Post.
Abfall, festgetretene Flecken auf Granit, Putz und Himmelsleck,
      skizziert auf Papierrest. – Steck es weg, es fängt bereits
zu regnen an. Milchig, glasig, von Vergessen getrieben. Bleibt:
      Erinnern. Tropf, vom Haar: schnabelig. Kropf, Versehen/Sicht.
Rauschen. Lynnz. Schubkarrenleicht. Blass: die Vergangenheit. Wie Grün.
Aber: Lorca nicht vergessen. Ratten, fiep, nicht verschließen in
      Konservendosen. Nicht mehr aufs Land fahren, nicht mehr
anzünden das Stroh auf den pferdeschwarz verkohlten Feldern,
      aus dem Autofenster gesehen: wie Tomaten, tief vergraben
im Nirgendwo. Berge: Nirgendwo. Und überall steigt Klage, Rauch,
Angst, Klappe: Klick.
Müdigkeit, seltsam ... Wachs auf Neuigkeiten, rosa oder grau, nicht
      einmal dran gerochen, nicht ... das Lila wusch das Wasser raus:
blitz, kalt, klar, blank, fehl am Platz in dieser Hütte, wo das Holz
      sich auf der toten Katze stapelt. Im Lidsein/-schlag wachsen Kerzen.
Kein Streichholz (: Frier). Die Nachtigall hat der Hund geholt. Regentonne.
Tannen, Tannen, Tannen, soweit, Tannen, Tannen, das Auge reicht
      nicht aus. Tropfen, Tau, Rinnsal, Sure, Licht aus: -keit, aber
Glockenklang aus der Eiszeit, meterweit zu hören. Nur innen nicht.
      Augen zu. Kapseln, die dir der Tiger aufgedrängt hat, mit
seinem Gang. Dein Tag modert unter dem Bett. Plastik gibt es nicht.
Holz, Seele und Süßwasser. Stunden, Uhren: Bergwerke aus kaputten
      Fideln. Nester stehen auf dem Dach der Kirche. Sauerstoff
wildert in der Gruft: Choral – Luft – Kammern _ Coltkammern: von
      irgendwoher dröhnt es rinn-inn aus den Schatten. Heilige, das
Heilige in ihnen: zu Staub verfallen. Angst vorm Atmen. Mund und
Kugel. Weltkugel, a-round. Handstück, Ballen, Biss. Schlucken von
      Striemen auf dem Rücken, alte Striemen: unlängst gelotst
in die Schale, das Becken auf der Wiese ... Keine Striemen – Blüten,
      faustnussgroß. Blüten: hilftnichtsklein. Wasser
an der Unterseite. An der Oberfläche: sie selbst. Treibend, Stille,
Verlust. Also bitte: Lorca nicht vergessen. Musik nicht lernen. Schluss.



28. Januar

ADALBERT VON CHAMISSO

Recht empfindsam.





Tochter:
Meine teuren Eltern, habt Erbarmen,
Laßt mein Leid erweichen euren Sinn,
Nähm' ich diesen Mann, in seinen Armen
Welkt' ich, zarte Blume, bald dahin!

Vater:
Mutter, sieh', wie sie sich zieret!
Hör', du dumme Trine, du,
Einen Mann sollst du bekommen,
Greif' mit beiden Händen zu.

Tochter:
Rauher Wirklichkeit nur mag er fröhnen;
Ohne Zartheit, ohne Poesie,
Ungebildet, kann er nur mich höhnen,
Mich verstehen, nein, das wird er nie!

Vater:
Mutter, die verfluchten Bücher
Müssen ihr den Kopf verdreh'n.
Waren wir denn je gebildet?
Konnten wir uns je versteh'n?

Tochter:
Wo die Herzen fremd einander blieben,
Knüpft ihr nicht ein gottgefällig Band;
Weder achten kann ich ihn, noch lieben,
Nimmermehr erhält er meine Hand!

Vater:
Mutter, hör' die dumme Trine,
Hör' doch, was es Neues giebt!
Haben wir uns je geachtet?
Haben wir uns je geliebt?

Tochter:
Lieber will ich in ein Kloster fliehen,
Giebt's kein Kloster, in mein frühes Grab;
Wohl denn! dieser Schmach mich zu entziehen,
Stürz' ich in die Wellen mich hinab!

Vater:
Hast du endlich ausgeredet?
Gut, du bleibst mir heut' zu Haus,
Hältst dein Maul und nimmst den Bengel,
Punktum, und das Lied ist aus.


29. Januar

MASCHA KALÉKO

Kompliziertes Innenleben

Hinter jedem Abschied steht ein Warten.
Wenn dein Schritt verhallt ist, sehn ich mich.
Wenn Du kommst, ist jeder Tag ein Garten.
– Aber wenn du fort bist, lieb ich dich...

Manchmal seh ich auf zu Sternmillionen.
Ob das Glück stets hinter Wolken liegt?
Ach, ich möchte in den Nächten wohnen,
wo kein 'morgen' um die Ecke biegt.

Kommst du, sehn ich mich nach tausend Dingen,
wächst der Abgrund zwischen dir und mir,
Spür ich altes Fernweh in mir klingen.
- Aber wenn du fort bist, gilt es dir.

Unser Schicksal lauert hinter Bergen.
Schönes Jenseits, das wir nicht verstehn.
Unsre Großen gleichen noch den Zwergen,
Und nichts bleibt uns als emporzusehn.

Gibt es Träume, die noch nicht zerrissen,
Gibts ein Glück, das hielt, was es versprach?
Ach, wir Dummen werdens niemals wissen.
Und die Klugen forschen nicht danach...


30. Januar
ROBERT GERNHARDT

Spassmacher und Ernstmacher

Seht: Alles Ernste ist alt. Die Bücher
Welche da reden von Gott und dem Anfang
Sind alt. Und das Alter des Ernstseins
Adelt auch den, der noch heute uns ernst kommt.
Aber der Spaßmacher! Hört wie die Menge
Ihm noch den trefflichsten Witz mit den Worten
„Der ist ja alt“ verwandelt in Asche,
Gestrigen Schnee und dauernde Schande.


31. Januar


CHRISTIAN FÜRCHTEGOTT GELLERT

Der Blinde und der Lahme

Von ungefähr muss einen Blinden
ein Lahmer auf der Straße finden,
und jener hofft schon freudenvoll,
dass ihn der andre leiten soll.

„Dir”, spricht der Lahme, „beizustehn?
Ich armer Mann kann selbst nicht gehen;
doch scheint’s, dass du zu einer Last
noch sehr gesunde Schultern hast.

Entschließe dich, mich fortzutragen,
so will ich dir die Stege sagen:
So wird dein starker Fuß mein Bein,
mein helles Auge deines sein.”

Der Lahme hängt mit seinen Krücken
sich auf des Blinden breiten Rücken.
Vereint wirkt also dieses Paar,
was einzeln keinem möglich war.

Du hast das nicht, was andre haben,
und andern mangeln deine Gaben;
aus dieser Unvollkommenheit
entspringt die Geselligkeit.

Wenn jenem nicht die Gabe fehlte,
die die Natur für mich erwählte,
so würd er nur für sich allein
und nicht für mich bekümmert sein.

Beschwer die Götter nicht mit Klagen!
Der Vorteil, den sie dir versagen
und jenem schenken, wird gemein,
Wir dürfen nur gesellig sein.